Ladenbau in Paris oder worauf dich beim Bauen in Frankreich niemand vorbereitet…

Solltest du dir gerade Gedanken darum machen, dass du nicht genug Kunden kurz nach der Eröffnung hast, oder die Bauarbeiten sich immer noch an Stellen hinziehen, dann habe ich hier eine nette Geschichte aus meinen Erfahrungen im Ladenbau in Paris für dich…

Während meiner Zeit als angestellte Projekt- & Bauleiterin habe ich unter anderem Marc O’Polo Läden in Frankreich gebaut. Andere Länder, andere Sitten sagt man ja. In Frankreich & im speziellen in Paris ist das nochmal eine andere Hausnummer. So sagt man dem Pariser Volk nochmal eine ganz eigene Mentalität nach, als den Franzosen selbst.

Nicht nur mit zu engen Straßen, zu niedrigen Decken & Brandschutzwänden die eigentlich keine sind aber welche sein sollte, hatte ich zu kämpfen. Auch Einbruch, Schmiergeldzahlungen & Baustellenstops sollten meine Erfahrung in Paris krönen.

Aber von Beginn an.

Marc O'Polo, Paris
Marc O’Polo, Paris

Eine etablierte Marke möchte sich in einem neuen Land positionieren.

Neue Zielgruppen entwickeln & einen Markt erschließen. Klingt spannend & für Pilotprojekte bin ich immer zu haben. Hatte ich ja bisher noch keine Erfahrungen vom Bauen in Paris, geschweige denn dem Ladenbau in Paris. Mir wurde ein erfahrener, französischer Architekt zur Seite gestellt, der mir mit Rat & Tat Unterstützung leisten sollte. Wir mochten uns von Anfang an nicht. Er, im grünen Samtsakko erzählte mir von den Sicherheitsmaßnahmen bei seinem letzten Hermès Laden. Ich, 26, weibliche Bauleiterin & lerne gerade den Chauvinismus kennen.

Die ersten Angebotseinholungen bei seinen Haus- & Hof-firmen, ließen mich annehmen, dass in Paris wohl vergoldete Unterverteiler verbaut werden. Erste Erkenntnis also, will ich mal so eine richtig edle Elektroverteilung haben, fahre ich nach Paris! Da die Projekte ja aber in der Regel wirtschaftlich sein sollen, entschieden wir uns für ein Angebot einer Thüringer Firma, die samt komplettem Team & Equipment nach Paris fährt & zurück. Preis: ca. 50% des Angebots der Pariser Firma.

Gesagt. Getan. Beauftragung geht raus & schon rollen die ersten Probleme auf uns zu. Die Franzosen haben andere Systeme & Materialien, die verwendet werden müssen. Natürlich kann man die nur in Frankreich im Großhandel kaufen. Ok, kein Problem… Wenn die Jungs sowieso nach Paris müssen, gehen die da gleich shoppen.

Leider doch nicht so einfach, wie wir uns das dachten. Dort kann man als Fachfirma natürlich nur einkaufen, wenn man eine französische Zulassung hat. Dies stellte uns tatsächlich vor eine solche Herausforderung, dass erstmal nur die Kooperation mit einer Pariser Firma half. Das Ende vom Lied war also, dass 2 Mitarbeiter der deutschen Firma den Parisern die deutschen Schaltpläne erklären sollten.

1. Erkenntnis: Versuche nicht in Frankreich mit einer deutschen Elektrofirma zu bauen.

Wie auch immer, die Elektroverteilung sollte nicht unser wirkliches Problem werden. Auch die anderen Gewerke brachten ihre Schwierigkeiten mit sich. Gesammelt waren alle Firmen Empfehlungen des Architekten & da blickte er natürlich auf eine jahrelange Partnerschaft zurück. Vertrauensvoll gaben wir uns in die Hände des Franzosen. Leider waren wir gezwungen seine Warnungen zu ignorieren, den Eröffnungstermin zu verschieben. Ich sollte noch sehr deutlich erfahren, warum er dies empfahl. Wer schon mal im August & direkt im Anschluss im September in Paris war, weiß was ich meine. Zwei unterschiedliche Städte in einer.

Paris sieht im August aus wie aktuell der neue Berliner Flughafen. Fast schon gespenstisch. Da sich die Bauzeit über mehrere Wochen hinzog hatte ich Gelegenheit Paris über den Zeitraum von Juli bis September kennenzulernen. Die Pariser Arbeitnehmer haben seit 1965 vier Wochen Urlaub zugesichert pro Jahr. Diese sich aufzuteilen, scheint keine Option zu sein & so macht quasi jeder Pariser im August Urlaub. Die Stadt hat dadurch erhebliche Probleme & Umsatzverluste. Auch Lockangebote oder Sanktionen haben die Pariser nicht wirklich dazu bewegen können, sich den Urlaub aufzuteilen.

Auch wir auf unserer Baustelle sollten mitleiden. Denn nicht nur, dass die Trockenbauer in Minimalbesetzung den engen Zeitplan stemmen mussten, so sagte wie aus heiterem Himmel der Bodenleger ab. Ich erinnere mich an endlose Diskussionen & dass ich vor ihm stand & er mir erklärte, dass er bereits so lange schon arbeitet & nun nicht mehr kommen kann, da seine Frau sonst ärgerlich wird. Ich hatte keine weiteren Worte.

2. Erkenntnis: Lege nie eine Pariser Baustelle in den August!

Meine Aufgabe war es also nun, einen neuen Bodenleger zu finden. Und wer bereits im Ladenbau tätig war, weiß wie die Zeitpläne gebaut sind. Pufferzeiten gibt es nicht & alles ist so gestrickt, dass die Arbeiten auf den Punkt funktionieren müssen. Das klappt schon, eben mit dem richtigen Team & guter Vorbereitung. Mit Engelszungen & viel finanzieller Überzeugungskraft haben wir letztlich eine deutsche Firma gefunden, die uns helfen konnte das Fischgrätparkett zu verlegen.

Um den Estrich zu versiegeln & für die Verlegung vorzubereiten wird meistens eine sogenannte Epoxydharzbeschichtung für den Estrich verwendet. Diese wurde vom Pariser Bodenleger netterweise noch aufgebracht. Am Morgen reisten also zwei Bodenleger aus Hamburg an um das Parkett zu verlegen. Nach den ersten Instruktionen also erwähnte ich freudig, dass der Boden bereits beschichtet ist & sie sich darum nicht mehr kümmern müssen. Sie blickten einander an & fragten welches Material verwendet wurde. Der zweite Bodenleger hatte eine schwere Allergie gegen Epoxydharz & sie reisten nach ein paar Stunden Schlaf im Auto wieder ab. Es sollte sich am Ende tatsächlich noch ein Bodenleger finden, der das Parkett verlegte.

Auf wundersame Weise wurde die Baustelle fertig & ich verbrachte mittlerweile meine Zeit nur noch in Paris. Das klingt in der Regel nicht nach einem der schlechtesten Arbeitsplätze. Wenn du allerdings täglich auf einer aufgehitzen, unklimatisierten & dreckigen Baustelle deine Büroarbeit erledigst rückt das Pariser Leben doch sehr in den Hintergrund.
Der Zeitpunkt zur Anlieferung der Möbel war gekommen. In der Regel sollte nun nicht mehr viel schief gehen. Das Wichtigste ist erledigt & die Möbel stehen ja laut Plan fest. Die Anlieferung auf dem Gelände war durch einen Koordinator geregelt. Dadurch hatte jede Marke zu einer bestimmten Tageszeit nur 15 Minuten Zeit zum Abladen. Meine Firma teilte mir den Zeitpunkt der Anlieferung mit & ich klärte dies mit der örtlichen Logistik ab. Nun war es soweit & der LKW war nicht da. Er stand weder in der Schlange, noch sah ich das Kennzeichen weit & breit am Rand der breite Hauptstraße. Ich begab mich auf die Suche nach dem Wagen & rief parallel in der Firma an. Meine Kollegen leiteten mich an die Zentrale der Logistikfirma weiter. Die Mitarbeiterin lotste mich in eine Straße, da sie gerade mit dem Fahrer telefonierte. Nicht weit entfernt von dem Einkaufscenter bog ich in eine Seitenstraße & es bot sich mir ein Bild des Chaos. Der Fahrer hatte sich mit seinem 40 Tonner in einer Einbahnstraße festgefahren. Hinter ihm gab es ein wildes Hupkonzert & eine Autoschlange hatte sich bereits gebildet, wodurch niemand mehr weiter fahren konnte.

4. Erkenntnis: Fahre niemals mit einem 40 Tonner in die Innenstadt von Paris!

one way

Der Fahrer war ziemlich hilflos & ich sah mich nun nicht nur als Planerin & Bauleiterin, sondern plötzlich auch als Verkehrslotse. Am Ende der Schlange fing ich also an, die aufgeregten Fahrer aus der Straße zu manövrieren & einer nach dem Anderen konnte die Kette in die entgegengesetzte Richtung auflösen. Ich stieg auf dem Beifahrersitz ein & deutete dem Fahrer an rückwärts raus zu fahren. Auf der großen Hauptstraße, wurde eigens für die LKW eine Haltezone für die Anlieferung eingerichtet. Dort reihte sich einer nach dem Anderen ein um zu warten. So auch mein Möbellieferant. Mittlerweile wusste ich, dass wir mehrere Stunden warten müssen, bis das Abladen für unseren Laden möglich ist, da unsere gebuchte Zeit längst verstrichen war. Ebenso stellte sich heraus, dass der Fahrer weder Deutsch, noch Englisch oder gar Französisch sprach. Unsere Kommunikation ähnelte also dem Spiel „Berufe-raten“.

Es war soweit, unser neue Abladezeit war angekommen & er fuhr auf den Hof. Ich hatte bereits alle Monteure zusammengetrommelt & sie standen in einer Reihe bereit zum Abtransport. Ich dachte bei mir, dass ein Ende in Sicht ist & ein weiterer verrückter Tag in Paris sein Ende findet. Was auf diese Gedanken folgte, setzte dem Ganzen nur noch die Krone auf.

Der Fahrer parkte, stieg aus, schloss ab & wandte sich zu mir um mir mitten in der Abladezone während unserer 15 Minuten Abladezeit zu bedeuten, dass er nun Pause machen muss.

Vorstellbar, dass mein Gesicht sowie mein Gehirn jegliche Spannung verlor & in sich zusammensackte. Mein Blick wurde leer & ich wiederholte seine Worte. Erst im Geiste & dann nochmal laut um von ihm das Missverständnis aufklären zu lassen. Sicher war das Pantomimespiel einfach zu kompliziert & ich habe ihn falsch verstanden. Ich rief bei seiner Firma an & erklärte, dass der Mann mit seinem LKW in der Abladezone steht & Pause machen möchte, während unserer Abladezeit. Ich sagte, dass es keine Möglichkeit der Kommunikation mit ihm gibt & fragte sie, ob sie dies als reellen Kundenservice versteht, einen Fahrer ohne Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch oder Französisch hierher zu schicken. Außerdem solle sie jetzt bitte übersetzen, Sie sagte mir trocken, dass sie seine Sprache auch nicht können & ein Fahrer mit Englischkenntnissen teurer wäre. Von Deutsch oder Französisch ganz zu Schweigen. Sie gab mir noch die freundliche Empfehlung, dies doch beim nächsten Mal mit meiner Firma vorher zu klären & das die Pausenzeiten der Fahrer selbstverständlich eingehalten werden müssen. Mir blieb also nicht anderes übrig, als selbst eine Lösung zu finden. Ich kramte in meinem Kopf & ging die einzelnen Möglichkeiten durch. Eine erneute Anfahrt war ausgeschlossen, da der Zeitplan ohnehin schon Nachtschichten erforderte. Auf meine Frage an den Logistikleiter, der mit tippendem Fuß neben mir stand, ob einer spätere Einfahrt am heutige Tage noch möglich sei, antwortete er nur mit einem herablassenden, belächelnden Schnauben. Alle Augen auf mir, die da eine Entscheidung treffen musste. Fakt ist, die Möbel müssen rein, der LKW muss weg & wir haben keine Zeit mehr. Kein Geistesblitz kam mir & ich hatte auch nichts Vergleichbares erlebt oder von Kollegen gehört um zu wissen was zu tun ist. Ladenbau in Paris in einem Umfeld von ungeduldigen Männern auf einer dreckigen Baustellenauffahrt. Hier hilf nur noch Bares. Ich bot dem Fahrer 50 Euro an. Er reagierte sofort & ich wusste, dass das den Rätsels Lösung war. Seine Reaktion allerdings deutete mir, dass er wohl eher an 100 Euro gedacht hat. Das Geld floss, niemand wunderte sich & die Arbeit ging los. Der Wagen war leer, die Möbel im Laden & ich immer noch perplex.

5. Erkenntnis: Wenn ein LKW Fahrer während der Anlieferung mitten in Paris plötzlich Pause machen muss, hilft nur noch Bares!

Auch diese Baustelle wurde, wie von Zauberhand fertig & eröffnete rechtzeitig. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen, denn mit jedem Mal wurde ich deutlich entspannter & konnte bei anderen Situationen gelassen reagieren. Der Kunde hat die Filiale wie geplant eröffnen können & ich hatte sogar die Gelegenheit bei der Eröffnung dabei zu sein.

Sicher, es waren einige Mängel zu beseitigen & viele Nachträge zu klären. Jedoch konnte ich mit erhobener Brust, entgegen abfälliger Einschätzungen von Kollegen feststellen, dass auch diese Baustelle in Paris das Ziel erreicht hat.

Ca. 3 Monate nach der Eröffnung, las ich am Morgen meine Mails & mir stockte der Atem. In dem Haus, in dem die erste französische Marc O’Polo Filiale eröffnet hatte gab es einen Wasserschaden. Nicht so ein kleiner, bei dem es an einer Stelle tröpfelte, nein das Wasser kam Sintflutartig von oben herab und ergoss über beide Etagen, an der Galerie am Eingang entlang. Der Filialleiter berichtete, dass das Wasser wie eine Dusche herunter kam. Der frisch eröffnete Laden musste geschlossen & renoviert werden. Es folgten einige vor Ort Termine zwischen Marc O’Polo, der Versicherung & mir. Nach einigen Sofortmaßnahmen konnte die Filiale notdürftig wieder eröffnen. Die Moral aus der Geschichte ist für mich in jedem Fall:

Es gibt Dinge im Ladenbau in Paris, worauf dich niemand vorbereitet!

Dies ist nur ein Auszug meiner speziellen Erfahrungen von meinen Baustellen in Paris. Ich habe die Stadt sehr in mein Herz geschlossen & verbinde einige witzige Erlebnisse mir ihr. Natürlich sind die Vorkommnisse nicht der Stadt oder den Menschen geschuldet & sicher kann dir das überall passieren. Aber mich lehren solche Erlebnisse immer wieder, einfach mal gelöst zu bleiben, wenn andere gerade den Kopf verlieren. Mittlerweile gibt es oft Situationen in denen die Kunden mit offenem Mund & weit aufgerissenen Augen vor mir stehen & denken, dass dies der absolute Supergau ist. Weit gefehlt & auch diese Baustelle wird fertig. Am Ende ist es im Ladenbau wie auch auf anderen Baustellen immer mindestens einmal spannend. Dein Herz schlägt schneller & du versuchst die Fassung zu behalten.

Für uns Projektleiter ist das doch das Salz in der Suppe, oder nicht?!

 

Hast du auch schonmal Erfahrungen mit Baustellen in Paris sammeln können? Ich würde mich freuen, wenn du sie mit mir teilst.
Melde dich gern bei mir, wenn du mehr über die Projekt- & Bauleitung im Ladenbau erfahren willst. Oder hast du ein Projekt, für das du Unterstützung benötigst? Ich helfe dir gern. Melde dich bei mir.

Maria

 

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